

Sucht man online nach Bildern eines Kalbes, sind auf mehr als der Hälfte dieser Bilder die Ohren des Tieres mit hellgelben Marken durchstochen. Farbenfroh verweisen sie auf die Brutalität, dass ein Kalb, fernab eines idealistischen Blicks, vor allem eines ist: Nutztier; Teil einer Masse, einer Schlachtmenge.
Milly Werners »Kalb« bricht mit dieser Logik, kein neonfarbenes Stück Plastik versehrt seine Ohren. Es steht in keiner Masse, nicht einmal in einer Herde. Und doch ist es unbestreitbar ein Kalb, verwehrt sich nicht mittels Abstraktion der Grausamkeit, bloßes Material der umsatzstärksten Branche der Nahrungsindustrie zu sein. Wie also sträubt es sich?
Die Figur entspricht in ihrer Größe einem echten Kalb. Sie wirkt massiv, vielleicht gegossen. Erst einem achtsameren Auge fallen die Schweißnähte auf, die Anlauffarben. Sie verraten die Arbeitsweise, die Milly Werner für sich präzisiert hat und die momentan ein wesentliches Prinzip ihrer Arbeiten darstellt. Sie fügt, unabhängig des Materials, eine Vielzahl von Einzelteilen aneinander. An »Kalb« arbeitete sie acht Monate. Sukzessive schnitt sie dafür kleine Stücke aus Stahlblech und schweißte sie aneinander. Schweißen und Montieren wurden so zu nahezu malerischen Techniken. Durch Spritzer und Anlauffarben entstanden Strukturen und Tiefen im Material. Einem groben Pinsel gleich verwehrte sich das Werkzeug gelegentlich der Genauigkeit, die für die Arbeit unverzichtbar ist, da alle Einzelteile aufeinander aufbauen.
Mittels dieses sorgfältigen Prozesses hat Milly Werner ihrer Figur die Eigensinnigkeit eingearbeitet, die ihr ihre Verweigerung ermöglicht. Aus einem Winkel erscheint »Kalb« ausgeliefert, aus einem weiteren widerspenstig und fast frech, dann geradezu angriffslustig. »Kalb« blickt auf sein*n Betrachter*in zurück und offenbart so die Objektifizierung, die der Funktionalisierung, Einordnung und Verwertung dient.
Subtil ist darin außerdem angelegt: blickt ein Mensch auf ein Tier, dann oftmals im Modus der Übertragung. Deshalb bedeutet die Arbeit an einer Tierfigur für Milly Werner immer auch eine Beschäftigung mit Gesellschaft.
KURATORISCHER TEXT VON LENA MAGENS








Sucht man online nach Bildern eines Kalbes, sind auf mehr als der Hälfte dieser Bilder die Ohren des Tieres mit hellgelben Marken durchstochen. Farbenfroh verweisen sie auf die Brutalität, dass ein Kalb, fernab eines idealistischen Blicks, vor allem eines ist: Nutztier; Teil einer Masse, einer Schlachtmenge.
Milly Werners »Kalb« bricht mit dieser Logik, kein neonfarbenes Stück Plastik versehrt seine Ohren. Es steht in keiner Masse, nicht einmal in einer Herde. Und doch ist es unbestreitbar ein Kalb, verwehrt sich nicht mittels Abstraktion der Grausamkeit, bloßes Material der umsatzstärksten Branche der Nahrungsindustrie zu sein. Wie also sträubt es sich?
Die Figur entspricht in ihrer Größe einem echten Kalb. Sie wirkt massiv, vielleicht gegossen. Erst einem achtsameren Auge fallen die Schweißnähte auf, die Anlauffarben. Sie verraten die Arbeitsweise, die Milly Werner für sich präzisiert hat und die momentan ein wesentliches Prinzip ihrer Arbeiten darstellt. Sie fügt, unabhängig des Materials, eine Vielzahl von Einzelteilen aneinander. An »Kalb« arbeitete sie acht Monate. Sukzessive schnitt sie dafür kleine Stücke aus Stahlblech und schweißte sie aneinander. Schweißen und Montieren wurden so zu nahezu malerischen Techniken. Durch Spritzer und Anlauffarben entstanden Strukturen und Tiefen im Material. Einem groben Pinsel gleich verwehrte sich das Werkzeug gelegentlich der Genauigkeit, die für die Arbeit unverzichtbar ist, da alle Einzelteile aufeinander aufbauen.
Mittels dieses sorgfältigen Prozesses hat Milly Werner ihrer Figur die Eigensinnigkeit eingearbeitet, die ihr ihre Verweigerung ermöglicht. Aus einem Winkel erscheint »Kalb« ausgeliefert, aus einem weiteren widerspenstig und fast frech, dann geradezu angriffslustig. »Kalb« blickt auf sein*n Betrachter*in zurück und offenbart so die Objektifizierung, die der Funktionalisierung, Einordnung und Verwertung dient.
Subtil ist darin außerdem angelegt: blickt ein Mensch auf ein Tier, dann oftmals im Modus der Übertragung. Deshalb bedeutet die Arbeit an einer Tierfigur für Milly Werner immer auch eine Beschäftigung mit Gesellschaft.
KURATORISCHER TEXT VON LENA MAGENS







